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Sonntag, 25. Januar 2026

Well? / Pass? : „TANZE LEBE LACHE“.

Mein Feierabend startet stressig. Ich komme etwas zu spät nach Hause, reiße mir schnell die Arbeitskleidung vom Leib, verteile diese dabei einmal in der kompletten Wohnung und dabei schnappe ich mir „passende“ Sportkleidung und packe vermeintlich meine Sportsachen zusammen. Unordnung entsteht beiläufig. Duschen schaffe ich nicht mehr – muss jetzt auch so gehen. Deo reicht. Ich springe wieder ins Auto. Brauche ca. 5 Minuten zum Ausparken – denn immer dann, wenn ich eh schon gestresst bin, steht das Auto so blöd in der Lücke, dass ich beim Rückwärtsfahren an diese scheiß Wand fahren würde. Ich muss also ca. 10–100 Mal rangieren, vor, zurück und ja, nach einer unangenehm langen Zeit verlasse ich die Tiefgarage.

Nochmals 5 Minuten später stehe ich wieder im Stau – nun nicht stadteinwärts – sondern auswärts! Öfter mal was Neues. Wir stehen auf einer langen, geraden Straße und ich merke, wie ein silberner Audi TT immer weiter auf meine Fahrbahn gelangt, unabsichtlich, denke ich mir zunächst, aber auf einmal sehe ich einen Blinker und was soll ich sagen, in diesem Moment raste ich aus. Ich starte sofort mit dem Hupen. Wohl ein bisschen zu lange. Das Ding war, dass ich beim Hupen festgestellt hatte, dass es sich um eine schlanke, kurzhaarige Frau handelte, die mindestens 50 war. Ich kenne sie, ich weiß, was sie sich denkt: „Ach, klappt schon.“ – Nein, Brigitte. Es klappt nicht! – Leider klappt es. Ich schreie sie noch als „dumme Hure“ an und merke, wie sich mein Kiefer wieder verspannt, der Schmerz zieht sich in die Ohren. Eigentlich ist der Verkehr ja da, um sich mal schön abreagieren zu können, kann ja nicht sein, dass ich jetzt nur noch mehr verspannt werde. Naja, die Fahrt geht weiter und tatsächlich nimmt mir schon wieder „jemand“ die Vorfahrt. Auch wieder eine nette Dame im genannten Alter nimmt meinem Vordermann ordentlich die Vorfahrt. Erst schneidet sie ihn und bremst ihn dabei aus und in der darauffolgenden 30er-Zone bremst sie mich dann direkt aus – es ist nicht 27, Ulrike, es ist 30 und bei 30 kann man auch mal 35 oder 40 fahren. – Weil, wenn ich eines kann im Straßenverkehr, dann ist es geradeausfahren, da kann mir keiner was und da sollen dann die anderen Autofahrer mir schon Respekt zollen.

Ich komme tatsächlich und wie durch ein Wunder doch noch recht pünktlich an und treffe dort meine Freundin. Wir gehen gemeinsam durch den kleinen Innenhof und betreten das Tanz- und Yogastudio.

Der Raum ist okay. Der Holzboden ist relativ unruhig, als Schiffsbodenparkett mit verschiedenen Hölzern verlegt. Die Wandfarbe gackerlgelb. Dazu sage ich jetzt nichts. Stellt euch darunter vor, was ihr wollt. Ich möchte nicht drüber sprechen. Eine Wand ist komplett verspiegelt – es handelt sich ja immerhin um ein Tanzstudio. An der einen Wand ist ein Ornament aus dem Yoga, die Blume des Lebens, angebracht, an der anderen Seite steht auf einer Wandtafel „TANZE LEBE LACHE“ in Großbuchstaben geschrieben. In den Ecken und Enden des Raums ist jeweils etwas Kram, mal Matten, mal ein Ballett-Glossar und sonstiges Gedöns eben. Der Raum an sich macht ja gar nichts falsch, aber er macht halt auch nichts richtig. Er schreit irgendwie so 2010 und das ist es, was ich daran grundsätzlich schon mal nicht mag. Das ist nicht die Ästhetik, die ich gut finde. Aber. Nun. Gut.

Ich nehme die anderen Kursteilnehmer wahr. Als Erstes fällt mir auf, dass zwei ältere Damen, auf jeden Fall ü70, im Raum sind, nicht solche der sportlichen Sorte, eher der Variante Rehasport. Eine der beiden Damen hat einfach Cola – nicht Orangensaft – einfach Cola dabei als Getränk. Woher ich das weiß? Es ist eine 1,5-l-Flasche Cola einer Billigmarke. Da ist nix mit braunem Wasser – aber es ist irgendwas von Holy, Waterdrop oder so. Ne! Das ist eine reine Cola!

„Jackpot.
Was die schaffen, schaffe ich auch“, denke ich mir.

… Dann sehe ich aber auch zwei junge Mädls mit sportlicher Statur und denke mir: „Da passt was nicht! Vorsicht geboten!“.

Was ist es jetzt, Rentnersport und/oder Powerzumba? Naja, ich lasse mich ja auf alles ein. Der Kurs heißt Total Body Fit – klingt erst mal anstrengend. Wir warten ab.

Die Kursleiterin kommt auf uns zu. Es ist eine Dame, schätzungsweise gut über 60?/70?. Die Dame ist sehr speziell gekleidet. Wie soll man das beschreiben. Dafina ist eine in die Jahre gekommene Bauchtänzerin. Turnschuhe, Leggings, soweit alles normal. Sie trägt über der Leggings einen Sportrock, ihr Oberteil ist blau, teilweise bauchfrei, teilweise dunkelblauer Chiffonstoff. Sie ist komplett geschminkt, der grüne Eyeliner betont ihre Augen. Ihre Haare hat sie locker, neckisch nach hinten gesteckt, in den Haaren steckt ihre Brille, die Brillenkette perfektioniert ihren Look. Unten Aida-Entertainerin, oben Bibliothekarin. Nice.

Laut ihrer eigenen Website ist sie in ihrer „golden era“ und das strahlt sie aus. Die ist wahnsinnig fit, hat eine Top-Figur, das ist der Wahnsinn!

Sie kommt also auf uns zu und begrüßt uns, freundlich, aber sie hat auch diese Lehrerinnenpräsenz:
„Hallo, ich bin die Kursleiterin, ihr seid ja das erste Mal da, ich erzähle euch ein bisschen über das Konzept, also wir haben heute einiges vor, wir machen ein intensives Ganzkörpertraining für Kraft, Ausdauer und Koordination, wollen aber auch nicht den Spaß vergessen. Wir starten also mit ein bisschen mit speziellen Choreografien, da müsst ihr erst mal schauen, ob ihr da mitkommt, aber geht da einfach ohne Druck dran, gebt einfach euer Bestes und habt Spaß, ja?! Und danach machen wir noch kräftigende, stärkende Übungen am Boden, wenn wir noch Zeit haben, oke?“

Wir spiegeln ihre Energie und bedanken uns für die Einführung und sagen, dass wir uns freuen und gespannt sind. Ich merke noch an, dass ich leider meine Schuhe vergessen habe, aber ich einfach so mitmache.
„Puh, oke“, Dafina überlegt. „Ja, da hast du natürlich heute Nachteile, aber mach einfach mit, das wird ein bisschen schwieriger für dich, also eigentlich braucht man wirklich Schuhe, aber gut, wenn es nun heute so ist, dann muss es auch so gehen. Aber fürs nächste Mal bring bitte Schuhe mit.“

Ich entschuldige mich für mein Versehen und mir ist es echt richtig unangenehm, dass sie da jetzt so eine große Sache draus macht und will einfach nur, dass sie aufhört, aber dieses Spiel spielen wir noch circa zwei oder drei Mal. Jedes Mal entschuldige ich mich und ich denke mir mehr und mehr:
„Was ist DAS denn für eine Stunde?, Wie hart wird das denn?“.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wendet sie sich von mir ab. Meine Freundin hat ja das ganze Gespräch mitbekommen und zieht plötzlich in Solidarität ihre Schuhe aus. Das ist mir natürlich erst mal noch unangenehmer, denn ich möchte ja nicht, dass sie auch Nachteile hat, aber sie sagt, dass es so viel witziger wäre und sie das jetzt macht. Sie ist ein Engel allein dafür.

Die Stunde geht los mit:
„Yuaaa,
… Iced Matcha Latte …“

und einer positiven Überraschung meinerseits.

Haut die gute Dafina da gleich so einen Banger raus. Cool. Wir starten. Sidestep, Sidestep, Steptouch … „Vergesst die Armbewegung nicht! March“. Und weiter geht’s wieder mit dem Sidestep … zwischendurch mal einen V-Step, aber das war’s dann schon an Variation. Ich meine, ich hatte sowieso heute nicht so mega Power mehr in mir, ich bin fine damit. Der erste Song war noch völlig okay. Ich meine, klar kommt man sich blöd vor. Die Schritte, die „Choreografie“, war bodenlos. Ich kann’s nicht anders sagen. Man fühlt sich unterfordert. Ich meine, es ist nicht so, dass man gar nicht aufpassen muss. Aber für jemanden, der mal im Kinderturnen war, ist das wirklich ein Witz. Ich will gar nicht gemein klingen. Ich will nur beschreiben, wie es war. Ehrlich eben!?

Der zweite Song sollte aber alles toppen. Wir machen weiter mit „Ich trink Ouzo, was trinkst du so?“. Mir ist der Song grundsätzlich bekannt, ich habe diesen Song allerdings noch nie in voller Länge gehört, geschweige denn Aerobic dazu gemacht. Innerlich bin ich zu diesem Zeitpunkt schon halb dissoziiert, nicht weil ich über den Dingen stehe oder mir die Stunde per se „zu leicht/zu einfach“ ist, darüber bin ich tatsächlich sogar froh. Ich war so müde und fertig von dem Tag – so eine leichte Stunde ist eigentlich der Jackpot jetzt für mich.

ABER ich kann mich einfach kaum halten, mich der Situation nicht entziehen. Ich fühle mich, als wäre ich bei den Discountern oder Jerks gelandet. Ich fühle mich wie Titus. – Wo ist die Kamera? – Nein, wirklich. Wo ist die Kamera? – Dieser Moment ist einfach zu gut, ich will da Aufnahmen haben, ich will das veröffentlichen, das muss man doch irgendwie kommerzialisieren können.

Und dann noch der schelmische Blick meiner Begleiterin, den ich in der Peripherie meines Sichtfeldes wahrnehmen kann.

Innerlich zerbricht etwas in mir.

Die Anstrengung, nicht laut lachen zu müssen, ist deutlich höher als die körperliche. Ich kann nicht mehr. Ich will nur noch laut loslachen. WO sind wir hier zur Vorstadthölle noch einmal gelandet.

Aber es geht weiter. Ich wende meinen Blick von meiner Freundin gänzlich ab. Ich blicke nur nach vorne, wenn man so will.

Es geht weiter mit einem Ausflug nach Bollywood sowie in die Technoszene. Es war wirklich alles dabei, ein Potpourri. Ich glaube, für diese Musikauswahl wurde das Wort Potpourri erfunden.

Aber bei unseren sexy Dance-Moves sollte es nicht bleiben. Jetzt geht’s auf den Boden. „Schnappt euch eine Matte und los geht’s“.

Das Problem mit der Matte war, dass ich noch nie im Leben eine so mischante1 , eine so oreidige2 Matte gesehen habe in meinem ganzen Leben. Selbst irgendwelche vergammelten Isomatten, die man gelegentlich im Speicher findet, sind nicht so oreidig. Und ich bin tatsächlich nicht so empfindlich. Also ja. Am liebsten verwende ich meine High-End-Yogamatte mit perfektem Grip. Aber es ist nicht so, als ob ich mich schnell ekeln würde – you know? Aber diese Matte war mein Endgegner.

Manchmal zieht einen ein spezieller Duft in eine andere Welt. Wie der Geruch von Zimt in der Weihnachtszeit oder der Geruch der Luft nach einem Sommerregen. Man ist für einen kurzen Moment verzaubert.

Diese Matte hat mich ins Upside-Down gezogen und die restlichen 20 Minuten nicht rausgelassen. Ich habe mich wie in so einem SAW-Film gefühlt, eingesperrt in einem Kellerraum. „Lass es endlich ein Ende haben“, dachte ich mir. Die Übungen auf der Matte hatten es dann auch noch in sich! Das ist schrecklich. Wenn man die ersten 40 Minuten seiner eigenen Arroganz frönen kann und dann einen kompletten Reality-Check seiner eigenen Fitness bekommt. Ein bisschen peinlich berührt kämpfe ich mich durch die Übungen und versuche, es möglichst so wirken zu lassen, als ob es gar nicht so anstrengend wäre – was mir wohl nicht gelingt.

Irgendwann war’s dann vorbei.

Ich war sehr froh, dass es rum war und ich endlich erlöst wurde. Wir räumen schnell die Matten weg und die Kursteilnehmer der nächsten Stunde stürmen schon rein. Irgendwas mit Disney in Kombination mit Bauchtanz war jetzt dran. Im Hintergrund hörte man noch die zwei jungen Mädls über die Stunde jammern. Es sei wohl so, dass sie jetzt beide schon so oft da waren, aber die Choreografie immer noch nicht hinbekommen – aber sie bleiben dran!

Für uns heißt es an der Stelle: einmal und nie wieder. Eine Stunde, die mir immer in positiver Erinnerung bleiben wird. Respekt an die Tanzlehrerin, die zu ihrem wahren Ich steht, und auch Respekt an die zwei älteren Teilnehmerinnen, die ihr Bestes geben und dranbleiben. Für mich war es nicht das Passende und das ist okay! Aber Dafina hat ihre Anhänger, ihre Fans und die lieben sie und das ist doch das Tolle am Sport. Es ist für jeden was dabei!


[1] Mischat meint Eigenartig/komisch www.heimatverein-mosbach.de/mundart.

[2] „Oreidig“ (oder „oreidi“) ist ein bairischer Dialektbegriff, der im süddeutschen und österreichischen Raum verwendet wird. Er beschreibt etwas als widerlich, grässlich, schmutzig, hinterhältig oder asslig. Der Ausdruck wird oft genutzt, um Abneigung gegen eine Person, Sache oder Situation auszudrücken. Quelle: Google KI; https://www.reddit.com/r/German/comments/12h49d1/someone_called_me_an_orraidig_i_dont_know_what/?tl=de 


Mittwoch, 21. Januar 2026

heide simonis! ich habe deinen hut

Wenn ein Soldat von einem Auslandseinsatz heimkommt, dann bringt er zumeist viele kleine und große Mitbringsel und Erinnerungsstücke mit. Wenn man nach Kabul kommt, dann bringt man original afghanische Kleidung mit, zum Beispiel Burkas. Dann bringt man auch eher exotische Dinge mit, wie zum Beispiel eine Flaschenburka. Das ist einfach original eine kleine Miniburkas für eine Flasche. Aber auch Schmuck kann man gut mitbringen.

Man bringt auch Geschichten mit. Wie zum Beispiel die des Löwen Marjan. Oder die Geschichte, dass man fast einen Konflikt zwischen Deutschland und irgendeinem anderen Land ausgelöst hätte, weil man eine gewisse Katze von einem Dach retten musste. Man hatte sich nichts dabei gedacht und hatte eben wie üblich sein Maschinengewehr umgehängt und nur Augen für die Katze und nicht dafür, dass das besagte Dach zu einem anderen Land gehört. – Es ist alles gut gegangen. Die Katze ist gestorben.

– Nach einem langen und erfüllten Leben. Sie wurde von ihren Untertanen geliebt und starb im hohen Alter von 15–20 Jahren.

Man bringt wohl auch noch so einiges anderes mit …

Unter all den Dingen, die nun mitgebracht wurden, war auch ein Hut dabei. Der Hut ist dann irgendwie bei mir im Zimmer gelandet. Es handelt sich um einen afghanischen Hut. Ich fand ihn schön, und er war jahrelang ein reines Deko-Element.

Der Hut hat allerdings noch einmal eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen, nachdem mir dieser gewisse Soldat folgende Geschichte dazu erzählt hat. Er hatte mit Heide Simonis gesprochen, und irgendwie ist dann der Hut, der eigentlich in die Hutsammlung von Heide Simonis gehört, in seinen Besitz gelangt. Na ja, und dann eben in meinen Besitz.

Heide Simonis hat ihm eine Geschichte aus ihrem Leben erzählt. Irgendwann nach 1960 hat sie ihr Studium begonnen. Die Semester schritten voran, und irgendwann fragte sie der Professor:

„Was machen Sie denn eigentlich hier noch?“

Warum könnte der Professor Heide Simonis das fragen? Der erste Gedanke wäre wohl, dass sie einfach schlechte Leistungen abgeliefert hat. Vielleicht hatte sie den Professor zuvor beleidigt? Vielleicht war sie bereits exmatrikuliert? Nein – alles falsch.

Der Professor konnte nicht nachvollziehen, warum Heide noch immer ihr Studium fortsetzte. Sie müsste doch längst einen Partner gefunden haben und wieder in der Küche stehen oder sonst wo, aber auf jeden Fall nicht mehr in seinem Hörsaal sitzen. Er verstand, dass Frauen studieren, aber nicht, dass Frauen das Studium auch beenden. Frauen haben kein Interesse an Wissenschaft, Frauen haben Interesse an Männern, die ein Interesse für Wissenschaft haben. Eine andere Option gab es in seinen Augen anscheinend nicht, und deshalb kam diese Frage auf.

Heide hat sich davon aber nicht beirren lassen, hat ihr Studium durchgezogen und ist ja bekanntermaßen auch eine sehr erfolgreiche Politikerin geworden. Sie hat mit vielen Klischees Frauen gegenüber aufgeräumt und ist eine tolle, starke und bewundernswerte Frau.

Mit einem hatte der Professor allerdings recht: Sie hat ihren Ehemann während des Studiums kennengelernt.

Genauso wie ich. Ich habe meinen jetzigen Ehemann schon im ersten Semester kennengelernt.

Die Semester vergingen, und das Studium fiel mir immer schwerer und schwerer. Ich habe so hart gekämpft – zu hart. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, alles abzubrechen und neue, andere, „leichtere“ Wege einzuschlagen. Tief fallen konnte ich gar nicht. Außerdem hatte ich immer meinen Mann. Er würde dann der Jurist für uns beide sein. Damit müsste ich dann leben. Damit hätte ich auch leben können. Ich hätte es ihm gegönnt, auch wenn ich es nicht geschafft hätte. Aber dazu kam es zum Glück nicht. Ich habe das Studium durchgezogen. Und immer, wenn ich Zweifel hatte, habe ich mir einfach das Erlebte von Heide wieder deutlich vor Augen geführt. Noch vor ein paar Jahrzehnten war es nicht selbstverständlich, dass Frauen studieren. Andere Frauen haben für mich gekämpft, haben mir den Weg bereitet, und ich lasse all diese Frauen, insbesondere Heide, nicht im Stich. Ich gehe meinen Weg im Bewusstsein, dass andere Frauen für mich viel riskiert haben, für ihre und meine Freiheit gekämpft haben und unbequem waren. Und ich werde auch immer unbequem sein, wenn es nötig ist.

Ich kenne Frau Simonis natürlich nicht persönlich, und ich dürfte sie natürlich auch nicht mit Heide ansprechen, nehme ich zumindest mal an. Aber in meinem Kopf begleitet Heide mich eben schon so lange, dass die Heide in meinem Kopf mir schon längst das „Du“ angeboten hat.

Ein weiterer Aspekt an dieser Geschichte ist, dass es bei allem Fortschritt, den wir offensichtlich schon hinter uns haben, trotzdem dazu kam, dass auch mir diese Frage gestellt wurde. – Natürlich von keinem Professor. Das wäre auch sehr verwunderlich gewesen, keiner von denen kannte mich persönlich. Aber diese Frage stellt man sich selbst:

Wieso bist du eigentlich noch hier?

Beantworten kann ich die Frage im Grunde genommen bis heute nicht.

Samstag, 17. Januar 2026

WELL? / Pass?

Ich habe das große Vergnügen, ein Plus Eins bei Wellpass sein zu können, und damit ist das mein einziger Bezug zu Corporate Germany.

Aber was ist das überhaupt?

KI sagt: EGYM Wellpass (früher auch als qualitrain bekannt) ist ein Firmenfitness-Angebot, das Mitarbeitenden Zugang zu einem großen Netzwerk von über 13.000 Sport- und Wellnesspartnern (Fitnessstudios, Schwimmbäder, Yogastudios, Kletterhallen) sowie Online-Kursen bietet, oft mit einem monatlichen Festpreis, wobei Arbeitgeber die Kosten bezuschussen. Es ermöglicht flexibles Training in verschiedenen Einrichtungen und ist ein beliebter Mitarbeiter-Benefit zur Förderung der Gesundheit.

Was aber ist da?

Ich kann immer und überall meine Sportroutine umsetzen. Es erleichtert den Alltag für alle Unternehmensberater, die in der Früh noch im Meeting in München sitzen und abends zur Paneldiskussion in Berlin geladen wurden. Ja, und dazwischen oder in der Früh – oder nachts – kann man dann noch schnell ins nächstgelegene Fitnessstudio hüpfen und eine Runde aufs Laufband. So stelle ich mir den Alltag eines klassischen Wellpass-Nutzers zumindest vor. Business, business, business und ein bissl Sport, um den Kopf frei zu bekommen. Die optimierte Version der klassischen Fitnessstudiomitgliedschaft. Gleichzeitig ein Freifahrtschein der Unternehmen. Was kann man seinen Mitarbeitern Besseres anbieten als Gesundheit und Fitness, und Gesundheit und Fitness gehen einher miteinander. Bei jeder Bewerbungsausschreibung kann man sich so ins richtige Licht rücken. Obstkorb war gestern!

Naja –

irgendwie hatte ich am Anfang keinen Zugang zu diesem Programm. Ich fand’s cool, dass ich die Möglichkeit habe, überall in Deutschland trainieren zu gehen – aber ich war ja nur in einer Stadt. Wäre es dann nicht besser, wenn man sich schlichtweg eine Mitgliedschaft holt? – Ja und nein.

Am Anfang bin ich ganz falsch an die Sache herangegangen. Ich habe mir ein Studio gesucht und dann geschaut, ob das im Programm drin ist. Das hat dann so semi funktioniert, manches war dabei und manches eben nicht. Ich war insgesamt nur mäßig motiviert. Ich war wohl in dieser Zeit so unsportlich wie fast noch nie, und ich habe mir überlegt, ich mache mir einfach einen Spaß draus. Ich probiere mich durchs Programm, durch die Möglichkeiten. Ich war also fast jeden Abend nach der Arbeit in einem anderen Studio, in einer anderen Stunde. Bin auch in der ganzen Stadt unterwegs gewesen. Das Studio um die Ecke ist natürlich praktisch, aber die Stadt hat ja viel mehr zu bieten!

Im Grunde genommen hieß das jetzt: ganz viel Neues, ganz viel die Wohlfühlzone verlassen, aber auch gleichzeitig ganz viel Spaß und ein bisschen Muskelkater. Man ist immer der Anfänger – man hat dafür also auch immer den Anfängerbonus. Das habe ich immer positiv genommen. Über die ersten Wochen war ich dann in so vielen verschiedenen Studios und Kursen und habe auch echt einiges erlebt. Ich habe also beschlossen aufzuschreiben, welche Erfahrungen und Erkenntnisse ich in den einzelnen Orten so gemacht habe. Ein bisschen ist es vielleicht auch als Gegenkonzept zum normalen Fitness-Content zu verstehen.

Sport ist für alle da! – Wow, was für eine Erkenntnis...

Aber es ist doch so. 

Im Internet wird Empowerment und Bodypositivity großgeschrieben und auch stark kritisiert. 

Aber das ist doch etwas, was zum Großteil tatsächlich rein im Internet stattfindet – sowohl der positive als auch der negative Effekt. Denn hat man ein paar Kilo zu viel drauf, dann gibt es Menschen im Alltag, die den eigenen Körper bewerten. Dann sind doch Vorurteile da. „Die isst nur Frittiertes“ war so der eingängigste Spruch, den ich hierzu jemand sagen habe hören. Aber die Personen sagen es einem nicht ins Gesicht. Das bekommt man am Ende des Tages nicht mit. Und so ist es doch bei den einzelnen Kursen oder Trainingseinheiten auch. Das mag schon sein, dass da jemand ist, der im Kopf urteilt, sich vielleicht sogar über einen heimlich lustig macht oder man ein bisschen zu lange schaut. Aber es passiert wohl nicht tatsächlich, dass jemand im Fitnessstudio auf dich zukommt und sagt: 

„Du bist fett, geh!“ 

– Gut, fairerweise, was man sagen muss: Was mir schon passiert ist, ist, dass die Lehrerin auf mich zugekommen ist und gefragt hat, ob ich gerade frisch ein Kind bekommen habe. 

Blödes Gefühl. Sie meinte es gut

In gewisser Weise, ja, hab ich kein Kind bekommen - dieses Kind heißt juristisches Staatsexamen und ist inzwischen 3 Jahre alt. Naja, vielleicht hat die Kursleiterin an diesem Tag etwas gelernt und spricht nicht fremde Frauen an, ob sie gerade ein Kind bekommen haben, oder vielleicht macht sie es weiter. 

Also ja, vielleicht muss ich mich insofern korrigieren. 

Natürlich können in diesen Räumen Kommentare fallen, die einen verletzen oder aus dem Konzept bringen. Natürlich kann es passieren, dass man auf einmal in einer viel zu schweren Stunde landet und schlichtweg abbrechen muss, und ja – dann muss die Dicke wohl den Raum verlassen. 

Naja, ich kann euch jetzt schon mal „stolz“ mitteilen: Zweiteres ist bislang nicht passiert, und ich plane auch nicht damit!

Well? / Pass? - Back to the roots.

Back to the roots Ich bin in Berlin. Berlin. Du gehst unter in der Masse. Du kannst dich fallen lassen und dich mit der Stadt und ihrem H...