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Sonntag, 8. Februar 2026

Well? / Pass? - Back to the roots.

Back to the roots

Ich bin in Berlin.

Berlin.

Du gehst unter in der Masse. Du kannst dich fallen lassen und dich mit der Stadt und ihrem Herzschlag verbinden. Berlin ist alles. Und du kannst alles in Berlin sein.

Berlin kann heißen, in Prenzlauer Berg Kinder aufzuziehen, von einem Rave zum andern zu ziehen oder ein neues Start-up hochzuziehen. Irgendwas mit Ziehen macht man wohl immer. Man kann in Berlin so ein herrlich bürgerliches klassisches Leben führen und so krass abstürzen und auch alles dazwischen. Berlin hat so viel Geschichte. In manchen Straßen fühlt man sich so, als hätte man eine Zeitreise
gemacht und es ist 1920. Eine magische Stadt in einer Art. Es ist ein bisschen so wie bei dem Film Midnight in Paris. Nur muss man in Berlin nicht bis Mitternacht warten.

Nun geht es aber nicht um die Stadt, sondern nur um einen ganz kleinen Teil der Berliner Geschichte und eine ganz kleine Subkultur in Berlin. In dieser magischen und offenen Stadt fanden sich auch die ersten Yoga-Anhänger. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es das erste richtige Yoga-Studio, gegründet von Boris Sacharow (1899–1959)1. Und damit sind er und die Personen, die „Yoga“ nach Europa gebracht haben, Pioniere. Pioniere deshalb, weil – und das ist meine Meinung – „unser“ Yoga rein gar nichts mit dem Ursprung des Yogas zu tun hat.

Es mag so aussehen, es mag teilweise wirklich sehr stark danach aussehen, aber das, was wir hier haben, ist nicht nur unsere eigene Interpretation, es ist eine ganz andere Sache. – Haben doch Humboldt und Hegel bereits festgestellt, dass eine Übersetzung der Gita, die Übersetzung von Sanskrit ins Deutsche, so nicht möglich ist2, es geht nicht nur um die Wörter, sondern eben auch um den Kontext, die Auslegung der Schriften. Und da geh ich mit.

Ich möchte Einigen nicht absprechen, dass sie sich sehr nahe am Ursprungs-Yoga befinden. Aber ich kenne niemanden. Ich kenne sehr viele Personen, die aber unser europäisches, vielleicht könnte man sagen Yoga nach Berliner Schule (?) praktizieren. Und ich mag es! Ich steh drauf! Ich liebe alles daran! Es muss nur klar sein, dass dieses Yoga von dem wir hier sprechen, nicht das ist was es im Ursprung war und in anderen Regionen der Welt noch immer ist. 

Ich gehe also zum Ursprung der kommerzialisierten und hybridisierten Form des Yogas.– Das Studio befindet sich in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg.

Es ist Abend und die U-Bahn ist voll. Ich muss zum Glück mit meiner Yogamatte im Gepäck nur eine Station fahren. Ich schlendere die Kastanienallee entlang, es ist schon dunkel und zugegebenermaßen wirkt das ein oder andere Restaurant sehr ansprechend – ansprechender als meine Abendpläne. Aber ich hab mich angemeldet und gehe natürlich weiter Richtung Yoga-Studio. Ich hör Musik und genieße die Optik, die großen Kastanienbäume und die Häuser aus der Gründerzeit vermischen sich so gut mit dem exzessiven und hässlichen Graffiti, zwischendrin ein besetztes Haus, das die Freizügigkeit aller Menschen fordert – unzählige Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Rollerfahrer machen die Kiezoptik perfekt. Zum Glück treffe ich vorm Studio zwei Mädels, die augenscheinlich auch zum Yoga wollen. Der Weg führt uns in den Hinterhof, über eine Treppe zu einer Wohnungstür. Erstmal Schuhe aus. Von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin werde ich kurz in das Studio eingeführt. Es heißt, meine Stunde ist im Keller, ich müsste einmal durch den Hauptraum durch und dann die Wendeltreppe runter. Mein Weg führt mich erstmal zu einem riesigen, wahrscheinlich ca. 4 Meter hohen Raum. Einen solchen Raum erwartet man per se nicht in einer Wohnung. Der Raum ist mit Stuck verkleidet und es handelt sich tatsächlich um eine ehemalige Kapelle3. Die Steintreppe, die zum Altar führt, sowie der Altar selbst sind noch vorhanden. Ein Kreuz oder eine Bibel findet man auf dem Altar nicht mehr, die Mitte des Altars ziert nun ein großer chinesischer Gong, aufgehangen an einem Holzstativ. Der Altar ist verziert mit Pflanzen, einer Buddha-Statue sowie vielen Kerzen und bunten, aber geschmackvollen Lichterketten. Der Raum ist noch ganz dunkel, nur indirektes Licht trifft den Altar. Ich bin ganz alleine im Raum. Der Raum wirkt beeindruckend und beruhigend zugleich. Ich lasse den Raum einen Moment auf mich wirken, bevor ich mich in den Keller begebe.

Im Kellergewölbe angekommen treffe ich auf meine heutige Yoga-Lehrerin, diese umarmt gerade eine andere junge Frau, die sehr stark geweint hat und es noch tut. Beide hatten gerade diesen traurigen Moment auf eine schöne Art und Weise und ich platze dazwischen. Nachdem ihr im Moment noch die Tränen runterliefen, konnten wir den Moment nicht umgehen und ich begrüßte die beiden mit einem leisen „Sorry“, beide lachten – nahmen die Situation locker.

Und dennoch passt der Moment ganz gut zu meinen Gefühlen. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper. Es wirkt so, als wären die Personen, auf die ich in diesem Studio getroffen bin, so, als wäre „Yoga“ ihre Identität. Meine Vorurteile: Alle Vegetarier/Veganer, nur Second-Hand-Kleidung, glauben an Sternzeichen, Steine und Aromatherapie, sie haben es perfektioniert, nach außen hin Achtsamkeit und Selbstverwirklichung zu predigen und auch verinnerlicht? Ich kauf es ihnen nur bis zu einem gewissen Grad ab.

Ich pack meine Gedanken beiseite und platziere meine Yogamatte, lass auch diesen Raum auf mich wirken.

Die Stunde ist eine „Einladung für alle Sinne“ und heißt Aromatherapie. Auch dieser Raum ist sehr schön gestaltet, das Licht ist indirekt, Pflanzen und Kerzen machen den Kellerraum irgendwie heimelig, wenn auch die Kälte des Raums immanent ist. Im Raum sind bereits zwei Aromadiffuser der billigen Sorte platziert und machen den Raum sehr humide. Ich frag mich, ob es das mit dem Aroma schon war, aber sehe dann die verschiedenen Flaschen, die bei der Matte der Lehrerin liegen. Ich bin also beruhigt: 

„Das könnte ganz interessant werden.“

Der Raum füllt sich und das Publikum ist dann doch noch gemischter als gedacht. Ein Ober-Yogini platziert sich in der ersten Reihe und beginnt bereits vor der eigentlichen Stunde mit einer herzöffnenden Pose. Er geht vom perfekten Lotussitz – den ich im Übrigen nicht beherrsche – über in den Fisch. Dabei geht er mit seinem Oberkörper so weit nach hinten, dass sein Hinterkopf auf dem Mattenboden aufkommt, während sein Oberkörper selbst in der Luft schwebt. Ich bin beeindruckt, aber Neid und Missgunst überwiegen und dieser Neid und die Missgunst werden überschattet von einer Angst und Unruhe: „Bin ich gut genug, um mithalten zu können?“

Ich blicke in den restlichen Raum und auf meine Matte. Ich spreche mir selbst gut zu, mir selbst Mut zu. Ich gehöre in diesen Raum wie jeder andere auch.

Wir beginnen mit einer Yin-Pose und ich hoffe, dass es eher beim Yin bleibt mit ein wenig Yang. Nach einer kurzen Entspannungsphase geht es jedoch doch recht yangmäßig weiter. Was eine schöne Feinheit der Stunde war: Die Lehrerin hat uns kurz vor der letzten Entspannungspose einen Tropfen Menthol auf das Handgelenk gegeben. Wir konnten unsere Hände dann einmal am Kopf platzieren und das Menthol weckte einen regelrecht auf. Das war ein schönes Element und wurde dem Namen der Stunde gerecht.

Es ist anstrengend und der Raum mit ca. 100 % Luftfeuchtigkeit macht es nicht einfacher. Ich kämpfe mich durch. Die Frau vor mir knallt beim ersten Krieger fast auf dem Boden auf. Es ist richtig peinlich, sie kann sich kaum halten. Das liegt nun an mehreren Dingen. Erstens hat sie nicht ihre eigene Yogamatte mitgebracht, fataler Fehler. Die Matten die man vor Ort bekommt, da kann das Studio noch so teuer sein, sind immer scheiße. Die geben kaum halt und liegen nur leicht auf dem Boden auf – was es aber braucht ist eine Matte mit Gripp, sowohl am Boden als auch an den Kontaktstellen. Außerdem kam das Paar, von dem die Dame ein Teil ist, zu spät zur Stunde. Sie lässt ihr Handy direkt neben ihrer Matte liegen und beide kamen komplett gestresst an. Ich vermute, dass es auch ihre Hoffnung war, es handle sich tendenziell um eine entspannte Stunde. Zweitens hatte sie einfach nicht den Fokus. Sie mag schlanker sein als ich und insgesamt sportlicher, aber die Umstände haben also dazu geführt, dass Sie nicht wirklich bei sich war und dann kann es im Yoga sehr schnell gehen. Ich verbuch es als Gewinn. Dieses Gefühl sollte man wohl nicht beim Yoga haben. Aber die Frau hat mich schon bei ihrem Anblick gestresst, wie sie ankam, so hektisch und ihr Mann musste ihr alle Utensilien holen. Was soll ich sagen  - Schadenfreude. Ich denke nach der Berliner Schule ist es erlaubt.  

Zu 80 % ist es also eine ganz reguläre Yoga-Stunde, wie sie auch im Fitnessstudio stattfinden würde. Ich musste feststellen, dass ich so weit von einer „Brücke“ entfernt bin wie eine Schildkröte – gutes Learning und das Shavasana war sehr entspannend. Die Lehrerin hat ein kleines Kügelchen Watte aromatisiert und auf mein drittes Auge gelegt. Ich bin zwar ein bisschen erschrocken, aber der Duft – und das muss ich sagen – hebt die Ruhephase nochmal auf ein anders Level. Nicht auf ein echtes Yogalevel – aber ein gutes Entspannungslevel eben. Und ich denke das ist eben alles was wir in unserer westlichen Welt erwarten können. Wir können doch nur unser Bestes geben. Die Lehrerin kann doch auch nur versuchen sich die Gita zu erklären und mit ihrem eigenen Wissensstand ihre Schlüsse drauf ziehen. Und sie ist ja nicht falsch. Die Aromen haben geholfen und die Stunde bereichert. Hatte man dadurch die Chance spirituell auf eine andere Daseinsebene zu gelangen: Nein. Aber es war eben das was man an einem Montagabend braucht – ein bisschen Anstrengung für den Körper und ein bisschen Entspannung für den Geist.

Ich geh zufrieden heim und lass mich von einem obdachlosen zutexten und kaufe ihm eine Packung Zigaretten und Bier. Erst bei der Übergabe fällt mir auf, dass der Obdachlose vielleicht auch etwas essen sollte  - ich will ihm noch was zu Essen kaufen, doch der Spätibesitzer lässt mich das Essen nicht mehr mit Karte bezahlen. Erst ab 10 Euro. Er versichert mir allerdings, dass der Obdachlose seit zwei Jahren vor seinem Kiosk lebt und genug Essen bekommt. – Ich ziehe weiter.



1. Boris Sacharow (1899–1959). Quelle: www.yoga-akademie/YoInDeutsch.thm, abgerufen am 07.07.2025; zitiert nach: C. Fuchs, Yoga in Deutschland, in: „BDY-Information“ [Zeitschrift des „Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland e.V.“] Nr. 5-1990, S. 13–16. 
Quelle: www.yoga-akademie/YoInDeutsch.thm, abgerufen am 07.07.2025; zitiert nach: C. Fuchs, Yoga in Deutschland, in: „BDY-Information“ [Zeitschrift des „Berufsverbandes der Yogalehrenden in Deutschland e.V.“] Nr. 5-1990, S. 13–16.

2. www.yogaeasy.de/artikel/yoga-in-deutschland-geschichte, abgerufen am 07.10.2025

3. Messias-Kapelle, Berlin. Historischer Ort, u. a. genutzt für Taufen jüdischer Menschen, nicht nur, aber auch zur Flucht vor antisemitischer Verfolgung. Siehe: https://blogs.hu-berlin.de/kircheimns/tag/pfarrer-wilhelm-knieschke/, abgerufen am 07.10.2025.

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