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Mittwoch, 21. Januar 2026

heide simonis! ich habe deinen hut

Wenn ein Soldat von einem Auslandseinsatz heimkommt, dann bringt er zumeist viele kleine und große Mitbringsel und Erinnerungsstücke mit. Wenn man nach Kabul kommt, dann bringt man original afghanische Kleidung mit, zum Beispiel Burkas. Dann bringt man auch eher exotische Dinge mit, wie zum Beispiel eine Flaschenburka. Das ist einfach original eine kleine Miniburkas für eine Flasche. Aber auch Schmuck kann man gut mitbringen.

Man bringt auch Geschichten mit. Wie zum Beispiel die des Löwen Marjan. Oder die Geschichte, dass man fast einen Konflikt zwischen Deutschland und irgendeinem anderen Land ausgelöst hätte, weil man eine gewisse Katze von einem Dach retten musste. Man hatte sich nichts dabei gedacht und hatte eben wie üblich sein Maschinengewehr umgehängt und nur Augen für die Katze und nicht dafür, dass das besagte Dach zu einem anderen Land gehört. – Es ist alles gut gegangen. Die Katze ist gestorben.

– Nach einem langen und erfüllten Leben. Sie wurde von ihren Untertanen geliebt und starb im hohen Alter von 15–20 Jahren.

Man bringt wohl auch noch so einiges anderes mit …

Unter all den Dingen, die nun mitgebracht wurden, war auch ein Hut dabei. Der Hut ist dann irgendwie bei mir im Zimmer gelandet. Es handelt sich um einen afghanischen Hut. Ich fand ihn schön, und er war jahrelang ein reines Deko-Element.

Der Hut hat allerdings noch einmal eine ganz andere Bedeutung für mich bekommen, nachdem mir dieser gewisse Soldat folgende Geschichte dazu erzählt hat. Er hatte mit Heide Simonis gesprochen, und irgendwie ist dann der Hut, der eigentlich in die Hutsammlung von Heide Simonis gehört, in seinen Besitz gelangt. Na ja, und dann eben in meinen Besitz.

Heide Simonis hat ihm eine Geschichte aus ihrem Leben erzählt. Irgendwann nach 1960 hat sie ihr Studium begonnen. Die Semester schritten voran, und irgendwann fragte sie der Professor:

„Was machen Sie denn eigentlich hier noch?“

Warum könnte der Professor Heide Simonis das fragen? Der erste Gedanke wäre wohl, dass sie einfach schlechte Leistungen abgeliefert hat. Vielleicht hatte sie den Professor zuvor beleidigt? Vielleicht war sie bereits exmatrikuliert? Nein – alles falsch.

Der Professor konnte nicht nachvollziehen, warum Heide noch immer ihr Studium fortsetzte. Sie müsste doch längst einen Partner gefunden haben und wieder in der Küche stehen oder sonst wo, aber auf jeden Fall nicht mehr in seinem Hörsaal sitzen. Er verstand, dass Frauen studieren, aber nicht, dass Frauen das Studium auch beenden. Frauen haben kein Interesse an Wissenschaft, Frauen haben Interesse an Männern, die ein Interesse für Wissenschaft haben. Eine andere Option gab es in seinen Augen anscheinend nicht, und deshalb kam diese Frage auf.

Heide hat sich davon aber nicht beirren lassen, hat ihr Studium durchgezogen und ist ja bekanntermaßen auch eine sehr erfolgreiche Politikerin geworden. Sie hat mit vielen Klischees Frauen gegenüber aufgeräumt und ist eine tolle, starke und bewundernswerte Frau.

Mit einem hatte der Professor allerdings recht: Sie hat ihren Ehemann während des Studiums kennengelernt.

Genauso wie ich. Ich habe meinen jetzigen Ehemann schon im ersten Semester kennengelernt.

Die Semester vergingen, und das Studium fiel mir immer schwerer und schwerer. Ich habe so hart gekämpft – zu hart. Ich habe oft mit dem Gedanken gespielt, alles abzubrechen und neue, andere, „leichtere“ Wege einzuschlagen. Tief fallen konnte ich gar nicht. Außerdem hatte ich immer meinen Mann. Er würde dann der Jurist für uns beide sein. Damit müsste ich dann leben. Damit hätte ich auch leben können. Ich hätte es ihm gegönnt, auch wenn ich es nicht geschafft hätte. Aber dazu kam es zum Glück nicht. Ich habe das Studium durchgezogen. Und immer, wenn ich Zweifel hatte, habe ich mir einfach das Erlebte von Heide wieder deutlich vor Augen geführt. Noch vor ein paar Jahrzehnten war es nicht selbstverständlich, dass Frauen studieren. Andere Frauen haben für mich gekämpft, haben mir den Weg bereitet, und ich lasse all diese Frauen, insbesondere Heide, nicht im Stich. Ich gehe meinen Weg im Bewusstsein, dass andere Frauen für mich viel riskiert haben, für ihre und meine Freiheit gekämpft haben und unbequem waren. Und ich werde auch immer unbequem sein, wenn es nötig ist.

Ich kenne Frau Simonis natürlich nicht persönlich, und ich dürfte sie natürlich auch nicht mit Heide ansprechen, nehme ich zumindest mal an. Aber in meinem Kopf begleitet Heide mich eben schon so lange, dass die Heide in meinem Kopf mir schon längst das „Du“ angeboten hat.

Ein weiterer Aspekt an dieser Geschichte ist, dass es bei allem Fortschritt, den wir offensichtlich schon hinter uns haben, trotzdem dazu kam, dass auch mir diese Frage gestellt wurde. – Natürlich von keinem Professor. Das wäre auch sehr verwunderlich gewesen, keiner von denen kannte mich persönlich. Aber diese Frage stellt man sich selbst:

Wieso bist du eigentlich noch hier?

Beantworten kann ich die Frage im Grunde genommen bis heute nicht.

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