Mein Feierabend startet stressig. Ich komme etwas zu spät nach Hause, reiße mir schnell die Arbeitskleidung vom Leib, verteile diese dabei einmal in der kompletten Wohnung und dabei schnappe ich mir „passende“ Sportkleidung und packe vermeintlich meine Sportsachen zusammen. Unordnung entsteht beiläufig. Duschen schaffe ich nicht mehr – muss jetzt auch so gehen. Deo reicht. Ich springe wieder ins Auto. Brauche ca. 5 Minuten zum Ausparken – denn immer dann, wenn ich eh schon gestresst bin, steht das Auto so blöd in der Lücke, dass ich beim Rückwärtsfahren an diese scheiß Wand fahren würde. Ich muss also ca. 10–100 Mal rangieren, vor, zurück und ja, nach einer unangenehm langen Zeit verlasse ich die Tiefgarage.
Nochmals 5 Minuten später stehe ich wieder im Stau – nun nicht stadteinwärts – sondern auswärts! Öfter mal was Neues. Wir stehen auf einer langen, geraden Straße und ich merke, wie ein silberner Audi TT immer weiter auf meine Fahrbahn gelangt, unabsichtlich, denke ich mir zunächst, aber auf einmal sehe ich einen Blinker und was soll ich sagen, in diesem Moment raste ich aus. Ich starte sofort mit dem Hupen. Wohl ein bisschen zu lange. Das Ding war, dass ich beim Hupen festgestellt hatte, dass es sich um eine schlanke, kurzhaarige Frau handelte, die mindestens 50 war. Ich kenne sie, ich weiß, was sie sich denkt: „Ach, klappt schon.“ – Nein, Brigitte. Es klappt nicht! – Leider klappt es. Ich schreie sie noch als „dumme Hure“ an und merke, wie sich mein Kiefer wieder verspannt, der Schmerz zieht sich in die Ohren. Eigentlich ist der Verkehr ja da, um sich mal schön abreagieren zu können, kann ja nicht sein, dass ich jetzt nur noch mehr verspannt werde. Naja, die Fahrt geht weiter und tatsächlich nimmt mir schon wieder „jemand“ die Vorfahrt. Auch wieder eine nette Dame im genannten Alter nimmt meinem Vordermann ordentlich die Vorfahrt. Erst schneidet sie ihn und bremst ihn dabei aus und in der darauffolgenden 30er-Zone bremst sie mich dann direkt aus – es ist nicht 27, Ulrike, es ist 30 und bei 30 kann man auch mal 35 oder 40 fahren. – Weil, wenn ich eines kann im Straßenverkehr, dann ist es geradeausfahren, da kann mir keiner was und da sollen dann die anderen Autofahrer mir schon Respekt zollen.
Ich komme tatsächlich und wie durch ein Wunder doch noch recht pünktlich an und treffe dort meine Freundin. Wir gehen gemeinsam durch den kleinen Innenhof und betreten das Tanz- und Yogastudio.
Der Raum ist okay. Der Holzboden ist relativ unruhig, als Schiffsbodenparkett mit verschiedenen Hölzern verlegt. Die Wandfarbe gackerlgelb. Dazu sage ich jetzt nichts. Stellt euch darunter vor, was ihr wollt. Ich möchte nicht drüber sprechen. Eine Wand ist komplett verspiegelt – es handelt sich ja immerhin um ein Tanzstudio. An der einen Wand ist ein Ornament aus dem Yoga, die Blume des Lebens, angebracht, an der anderen Seite steht auf einer Wandtafel „TANZE LEBE LACHE“ in Großbuchstaben geschrieben. In den Ecken und Enden des Raums ist jeweils etwas Kram, mal Matten, mal ein Ballett-Glossar und sonstiges Gedöns eben. Der Raum an sich macht ja gar nichts falsch, aber er macht halt auch nichts richtig. Er schreit irgendwie so 2010 und das ist es, was ich daran grundsätzlich schon mal nicht mag. Das ist nicht die Ästhetik, die ich gut finde. Aber. Nun. Gut.
Ich nehme die anderen Kursteilnehmer wahr. Als Erstes fällt mir auf, dass zwei ältere Damen, auf jeden Fall ü70, im Raum sind, nicht solche der sportlichen Sorte, eher der Variante Rehasport. Eine der beiden Damen hat einfach Cola – nicht Orangensaft – einfach Cola dabei als Getränk. Woher ich das weiß? Es ist eine 1,5-l-Flasche Cola einer Billigmarke. Da ist nix mit braunem Wasser – aber es ist irgendwas von Holy, Waterdrop oder so. Ne! Das ist eine reine Cola!
„Jackpot.
Was die schaffen, schaffe ich auch“, denke ich mir.
… Dann sehe ich aber auch zwei junge Mädls mit sportlicher Statur und denke mir: „Da passt was nicht! Vorsicht geboten!“.
Was ist es jetzt, Rentnersport und/oder Powerzumba? Naja, ich lasse mich ja auf alles ein. Der Kurs heißt Total Body Fit – klingt erst mal anstrengend. Wir warten ab.
Die Kursleiterin kommt auf uns zu. Es ist eine Dame, schätzungsweise gut über 60?/70?. Die Dame ist sehr speziell gekleidet. Wie soll man das beschreiben. Dafina ist eine in die Jahre gekommene Bauchtänzerin. Turnschuhe, Leggings, soweit alles normal. Sie trägt über der Leggings einen Sportrock, ihr Oberteil ist blau, teilweise bauchfrei, teilweise dunkelblauer Chiffonstoff. Sie ist komplett geschminkt, der grüne Eyeliner betont ihre Augen. Ihre Haare hat sie locker, neckisch nach hinten gesteckt, in den Haaren steckt ihre Brille, die Brillenkette perfektioniert ihren Look. Unten Aida-Entertainerin, oben Bibliothekarin. Nice.
Laut ihrer eigenen Website ist sie in ihrer „golden era“ und das strahlt sie aus. Die ist wahnsinnig fit, hat eine Top-Figur, das ist der Wahnsinn!
Sie kommt also auf uns zu und begrüßt uns, freundlich, aber sie hat auch diese Lehrerinnenpräsenz:
„Hallo, ich bin die Kursleiterin, ihr seid ja das erste Mal da, ich erzähle euch ein bisschen über das Konzept, also wir haben heute einiges vor, wir machen ein intensives Ganzkörpertraining für Kraft, Ausdauer und Koordination, wollen aber auch nicht den Spaß vergessen. Wir starten also mit ein bisschen mit speziellen Choreografien, da müsst ihr erst mal schauen, ob ihr da mitkommt, aber geht da einfach ohne Druck dran, gebt einfach euer Bestes und habt Spaß, ja?! Und danach machen wir noch kräftigende, stärkende Übungen am Boden, wenn wir noch Zeit haben, oke?“
Wir spiegeln ihre Energie und bedanken uns für die Einführung und sagen, dass wir uns freuen und gespannt sind. Ich merke noch an, dass ich leider meine Schuhe vergessen habe, aber ich einfach so mitmache.
„Puh, oke“, Dafina überlegt. „Ja, da hast du natürlich heute Nachteile, aber mach einfach mit, das wird ein bisschen schwieriger für dich, also eigentlich braucht man wirklich Schuhe, aber gut, wenn es nun heute so ist, dann muss es auch so gehen. Aber fürs nächste Mal bring bitte Schuhe mit.“
Ich entschuldige mich für mein Versehen und mir ist es echt richtig unangenehm, dass sie da jetzt so eine große Sache draus macht und will einfach nur, dass sie aufhört, aber dieses Spiel spielen wir noch circa zwei oder drei Mal. Jedes Mal entschuldige ich mich und ich denke mir mehr und mehr:
„Was ist DAS denn für eine Stunde?, Wie hart wird das denn?“.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wendet sie sich von mir ab. Meine Freundin hat ja das ganze Gespräch mitbekommen und zieht plötzlich in Solidarität ihre Schuhe aus. Das ist mir natürlich erst mal noch unangenehmer, denn ich möchte ja nicht, dass sie auch Nachteile hat, aber sie sagt, dass es so viel witziger wäre und sie das jetzt macht. Sie ist ein Engel allein dafür.
Die Stunde geht los mit:
„Yuaaa,
… Iced Matcha Latte …“
und einer positiven Überraschung meinerseits.
Haut die gute Dafina da gleich so einen Banger raus. Cool. Wir starten. Sidestep, Sidestep, Steptouch … „Vergesst die Armbewegung nicht! March“. Und weiter geht’s wieder mit dem Sidestep … zwischendurch mal einen V-Step, aber das war’s dann schon an Variation. Ich meine, ich hatte sowieso heute nicht so mega Power mehr in mir, ich bin fine damit. Der erste Song war noch völlig okay. Ich meine, klar kommt man sich blöd vor. Die Schritte, die „Choreografie“, war bodenlos. Ich kann’s nicht anders sagen. Man fühlt sich unterfordert. Ich meine, es ist nicht so, dass man gar nicht aufpassen muss. Aber für jemanden, der mal im Kinderturnen war, ist das wirklich ein Witz. Ich will gar nicht gemein klingen. Ich will nur beschreiben, wie es war. Ehrlich eben!?
Der zweite Song sollte aber alles toppen. Wir machen weiter mit „Ich trink Ouzo, was trinkst du so?“. Mir ist der Song grundsätzlich bekannt, ich habe diesen Song allerdings noch nie in voller Länge gehört, geschweige denn Aerobic dazu gemacht. Innerlich bin ich zu diesem Zeitpunkt schon halb dissoziiert, nicht weil ich über den Dingen stehe oder mir die Stunde per se „zu leicht/zu einfach“ ist, darüber bin ich tatsächlich sogar froh. Ich war so müde und fertig von dem Tag – so eine leichte Stunde ist eigentlich der Jackpot jetzt für mich.
ABER ich kann mich einfach kaum halten, mich der Situation nicht entziehen. Ich fühle mich, als wäre ich bei den Discountern oder Jerks gelandet. Ich fühle mich wie Titus. – Wo ist die Kamera? – Nein, wirklich. Wo ist die Kamera? – Dieser Moment ist einfach zu gut, ich will da Aufnahmen haben, ich will das veröffentlichen, das muss man doch irgendwie kommerzialisieren können.
Und dann noch der schelmische Blick meiner Begleiterin, den ich in der Peripherie meines Sichtfeldes wahrnehmen kann.
Innerlich zerbricht etwas in mir.
Die Anstrengung, nicht laut lachen zu müssen, ist deutlich höher als die körperliche. Ich kann nicht mehr. Ich will nur noch laut loslachen. WO sind wir hier zur Vorstadthölle noch einmal gelandet.
Aber es geht weiter. Ich wende meinen Blick von meiner Freundin gänzlich ab. Ich blicke nur nach vorne, wenn man so will.
Es geht weiter mit einem Ausflug nach Bollywood sowie in die Technoszene. Es war wirklich alles dabei, ein Potpourri. Ich glaube, für diese Musikauswahl wurde das Wort Potpourri erfunden.
Aber bei unseren sexy Dance-Moves sollte es nicht bleiben. Jetzt geht’s auf den Boden. „Schnappt euch eine Matte und los geht’s“.
Das Problem mit der Matte war, dass ich noch nie im Leben eine so mischante1 , eine so oreidige2 Matte gesehen habe in meinem ganzen Leben. Selbst irgendwelche vergammelten Isomatten, die man gelegentlich im Speicher findet, sind nicht so oreidig. Und ich bin tatsächlich nicht so empfindlich. Also ja. Am liebsten verwende ich meine High-End-Yogamatte mit perfektem Grip. Aber es ist nicht so, als ob ich mich schnell ekeln würde – you know? Aber diese Matte war mein Endgegner.
Manchmal zieht einen ein spezieller Duft in eine andere Welt. Wie der Geruch von Zimt in der Weihnachtszeit oder der Geruch der Luft nach einem Sommerregen. Man ist für einen kurzen Moment verzaubert.
Diese Matte hat mich ins Upside-Down gezogen und die restlichen 20 Minuten nicht rausgelassen. Ich habe mich wie in so einem SAW-Film gefühlt, eingesperrt in einem Kellerraum. „Lass es endlich ein Ende haben“, dachte ich mir. Die Übungen auf der Matte hatten es dann auch noch in sich! Das ist schrecklich. Wenn man die ersten 40 Minuten seiner eigenen Arroganz frönen kann und dann einen kompletten Reality-Check seiner eigenen Fitness bekommt. Ein bisschen peinlich berührt kämpfe ich mich durch die Übungen und versuche, es möglichst so wirken zu lassen, als ob es gar nicht so anstrengend wäre – was mir wohl nicht gelingt.
Irgendwann war’s dann vorbei.
Ich war sehr froh, dass es rum war und ich endlich erlöst wurde. Wir räumen schnell die Matten weg und die Kursteilnehmer der nächsten Stunde stürmen schon rein. Irgendwas mit Disney in Kombination mit Bauchtanz war jetzt dran. Im Hintergrund hörte man noch die zwei jungen Mädls über die Stunde jammern. Es sei wohl so, dass sie jetzt beide schon so oft da waren, aber die Choreografie immer noch nicht hinbekommen – aber sie bleiben dran!
Für uns heißt es an der Stelle: einmal und nie wieder. Eine Stunde, die mir immer in positiver Erinnerung bleiben wird. Respekt an die Tanzlehrerin, die zu ihrem wahren Ich steht, und auch Respekt an die zwei älteren Teilnehmerinnen, die ihr Bestes geben und dranbleiben. Für mich war es nicht das Passende und das ist okay! Aber Dafina hat ihre Anhänger, ihre Fans und die lieben sie und das ist doch das Tolle am Sport. Es ist für jeden was dabei!
[1]
Mischat meint Eigenartig/komisch www.heimatverein-mosbach.de/mundart.
[2] „Oreidig“ (oder „oreidi“) ist ein bairischer
Dialektbegriff, der im süddeutschen und österreichischen Raum verwendet wird.
Er beschreibt etwas als widerlich, grässlich, schmutzig, hinterhältig oder
asslig. Der Ausdruck wird oft genutzt, um Abneigung gegen eine Person, Sache
oder Situation auszudrücken. Quelle:
Google KI;
https://www.reddit.com/r/German/comments/12h49d1/someone_called_me_an_orraidig_i_dont_know_what/?tl=de