Back to the roots
Ich bin in Berlin.
Berlin.
Du gehst unter in der Masse. Du kannst dich fallen lassen und dich mit der Stadt und ihrem Herzschlag verbinden. Berlin ist alles. Und du kannst alles in Berlin sein.
Nun geht es aber nicht um die Stadt, sondern nur um einen ganz kleinen Teil der Berliner Geschichte und eine ganz kleine Subkultur in Berlin. In dieser magischen und offenen Stadt fanden sich auch die ersten Yoga-Anhänger. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es das erste richtige Yoga-Studio, gegründet von Boris Sacharow (1899–1959)1. Und damit sind er und die Personen, die „Yoga“ nach Europa gebracht haben, Pioniere. Pioniere deshalb, weil – und das ist meine Meinung – „unser“ Yoga rein gar nichts mit dem Ursprung des Yogas zu tun hat.
Es ist Abend und die U-Bahn ist voll. Ich muss zum Glück mit meiner Yogamatte im Gepäck nur eine Station fahren. Ich schlendere die Kastanienallee entlang, es ist schon dunkel und zugegebenermaßen wirkt das ein oder andere Restaurant sehr ansprechend – ansprechender als meine Abendpläne. Aber ich hab mich angemeldet und gehe natürlich weiter Richtung Yoga-Studio. Ich hör Musik und genieße die Optik, die großen Kastanienbäume und die Häuser aus der Gründerzeit vermischen sich so gut mit dem exzessiven und hässlichen Graffiti, zwischendrin ein besetztes Haus, das die Freizügigkeit aller Menschen fordert – unzählige Fußgänger, Radfahrer, Autofahrer, Rollerfahrer machen die Kiezoptik perfekt. Zum Glück treffe ich vorm Studio zwei Mädels, die augenscheinlich auch zum Yoga wollen. Der Weg führt uns in den Hinterhof, über eine Treppe zu einer Wohnungstür. Erstmal Schuhe aus. Von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin werde ich kurz in das Studio eingeführt. Es heißt, meine Stunde ist im Keller, ich müsste einmal durch den Hauptraum durch und dann die Wendeltreppe runter. Mein Weg führt mich erstmal zu einem riesigen, wahrscheinlich ca. 4 Meter hohen Raum. Einen solchen Raum erwartet man per se nicht in einer Wohnung. Der Raum ist mit Stuck verkleidet und es handelt sich tatsächlich um eine ehemalige Kapelle3. Die Steintreppe, die zum Altar führt, sowie der Altar selbst sind noch vorhanden. Ein Kreuz oder eine Bibel findet man auf dem Altar nicht mehr, die Mitte des Altars ziert nun ein großer chinesischer Gong, aufgehangen an einem Holzstativ. Der Altar ist verziert mit Pflanzen, einer Buddha-Statue sowie vielen Kerzen und bunten, aber geschmackvollen Lichterketten. Der Raum ist noch ganz dunkel, nur indirektes Licht trifft den Altar. Ich bin ganz alleine im Raum. Der Raum wirkt beeindruckend und beruhigend zugleich. Ich lasse den Raum einen Moment auf mich wirken, bevor ich mich in den Keller begebe.
Es ist anstrengend und der Raum mit ca. 100 % Luftfeuchtigkeit macht es nicht einfacher. Ich kämpfe mich durch. Die Frau vor mir knallt beim ersten Krieger fast auf dem Boden auf. Es ist richtig peinlich, sie kann sich kaum halten. Das liegt nun an mehreren Dingen. Erstens hat sie nicht ihre eigene Yogamatte mitgebracht, fataler Fehler. Die Matten die man vor Ort bekommt, da kann das Studio noch so teuer sein, sind immer scheiße. Die geben kaum halt und liegen nur leicht auf dem Boden auf – was es aber braucht ist eine Matte mit Gripp, sowohl am Boden als auch an den Kontaktstellen. Außerdem kam das Paar, von dem die Dame ein Teil ist, zu spät zur Stunde. Sie lässt ihr Handy direkt neben ihrer Matte liegen und beide kamen komplett gestresst an. Ich vermute, dass es auch ihre Hoffnung war, es handle sich tendenziell um eine entspannte Stunde. Zweitens hatte sie einfach nicht den Fokus. Sie mag schlanker sein als ich und insgesamt sportlicher, aber die Umstände haben also dazu geführt, dass Sie nicht wirklich bei sich war und dann kann es im Yoga sehr schnell gehen. Ich verbuch es als Gewinn. Dieses Gefühl sollte man wohl nicht beim Yoga haben. Aber die Frau hat mich schon bei ihrem Anblick gestresst, wie sie ankam, so hektisch und ihr Mann musste ihr alle Utensilien holen. Was soll ich sagen - Schadenfreude. Ich denke nach der Berliner Schule ist es erlaubt.
Zu 80 % ist es also eine ganz reguläre Yoga-Stunde, wie
sie auch im Fitnessstudio stattfinden würde. Ich musste feststellen, dass ich so
weit von einer „Brücke“ entfernt bin wie eine Schildkröte – gutes Learning und
das Shavasana war sehr entspannend. Die Lehrerin hat ein kleines Kügelchen
Watte aromatisiert und auf mein drittes Auge gelegt. Ich bin zwar ein bisschen
erschrocken, aber der Duft – und das muss ich sagen – hebt die Ruhephase
nochmal auf ein anders Level. Nicht auf ein echtes Yogalevel – aber ein
gutes Entspannungslevel eben. Und ich denke das ist eben alles was wir in
unserer westlichen Welt erwarten können. Wir können doch nur unser Bestes
geben. Die Lehrerin kann doch auch nur versuchen sich die Gita zu erklären und
mit ihrem eigenen Wissensstand ihre Schlüsse drauf ziehen. Und sie ist ja nicht
falsch. Die Aromen haben geholfen und die Stunde bereichert. Hatte man
dadurch die Chance spirituell auf eine andere Daseinsebene zu gelangen: Nein.
Aber es war eben das was man an einem Montagabend braucht – ein bisschen
Anstrengung für den Körper und ein bisschen Entspannung für den Geist.
Ich geh zufrieden heim und lass mich von einem obdachlosen
zutexten und kaufe ihm eine Packung Zigaretten und Bier. Erst bei der Übergabe
fällt mir auf, dass der Obdachlose vielleicht auch etwas essen sollte - ich will ihm noch was zu Essen kaufen, doch
der Spätibesitzer lässt mich das Essen nicht mehr mit Karte bezahlen. Erst ab
10 Euro. Er versichert mir allerdings, dass der Obdachlose seit zwei Jahren vor
seinem Kiosk lebt und genug Essen bekommt. – Ich ziehe weiter.